Statement zur Tagung "Freundschaft und Verrat"
„Freundschaft“ – ein Wort mit einem hohen Klang und ein Wort für ein gutes Introjekt!
Wer hätte nicht gerne wohlwollend-kritische Freunde oder Freundinnen, die uns schützen, fördern und ein offenes Ohr für Herzensangelegenheiten haben. Doch wie viel Geheimes halten wir zurück – aus Angst, uns zu verraten oder verraten zu werden?
Und was ist mit den Schatten des „Inneren Saboteurs“, der unsere Potentiale, vor allem die Freundschaft gegenüber uns selbst, beschneidet?
„Sei wenigstens mein Feind“, so spräche nach Nietzsche wahre Ehrfurcht, die nicht um Freundschaft zu bitten wagt - denn in seinem Freund sollte man zugleich seinen besten Feind haben!
Und wie viele Freunde kann man sich überhaupt leisten, da man doch gründlich prüfen muss? Ist echte tiefe Freundschaft nicht gar „ein seltener Vogel auf Erden ganz wie ein schwarzer Schwan?“ (Juvenal)
Dabei fragt es sich, ob in unserer alles verrechnenden Leistungsgesellschaft nicht überhaupt Geschäftspartner und Berater mehr zählen als Freunde, zumal hier Freundschaften sehr schnell mit Aspekten der sozialen Wirklichkeit in Konflikt geraten.
Inwieweit reguliert heute überhaupt der durch das Netz bereitgestellte offene Raum Zugehörigkeiten und Abgrenzungen, Loyalitäten und Verrat? Überlassen wir gar das Netz einer neuen Spezies von Freibeutern - beruhigt durch eine weitere Utopie der Selbstregulierung?
Freundschaften im digitalen Raum weisen sich nach Maßgabe der Zahl der Klicks und positiven Rückmeldungen aus. Dabei bleibt man einerseits Herr/Frau des Geschehens - was Widerstand leistet wird weggeklickt - andererseits ziemlich einsam in diesem Projektionsraum der Selbstbegegnung.
Sinnlich konkreter und berührender wird Zugehörigkeit erfahren, wenn Aufrufe über Internetforen zu politischen Demonstrationen für mehr Demokratie führen. Inwieweit ersetzen heute diese spontanen Impulse jene persönlich gefestigte „Gemeinschaft der Freunde“, auf die nach Aristoteles das „Gute Leben“ in jeder stabilen Demokratie angewiesen ist?
Sogar dem Fremden Gastfreundschaft zu gewähren war vordem eine hohe Tugend. Wie belastbar ist heute unsere Bereitschaft, Grenzen offen zu halten, gar als Menschenfreund Anteil am Wohl aller zu nehmen?
Die Freundschaft ist der Jugend erster Traum und sie war auch Traum an der Wiege unserer Kultur.
Wir wollen auf unserer Tagung nachfragen und nachspüren, was sie uns Postmodernen heute noch bedeutet!
