Statement zur Frühjahrstagung 2017

"Umgang mit den Wahrheiten: Was hält uns zusammen?"


Gibt es eigentlich diesen einfachen Gegensatz von Wahrheit und Lüge? Man könnte eher sagen, dass der Gegensatz zur Lüge die Aufrichtigkeit oder Wahrhaftigkeit ist, also eine Haltung, die sich in jedem Fall um die Wahrheit bemüht, auch wenn es für die Person eine Zumutung und die Wahrheit eine Unerträglichkeit bedeutet.


Und der Gegenspieler zur Wahrheit ist nicht einfach die Lüge, vielmehr der Versuch ihrer Verifizierung, die oftmals eine vorgebliche Wahrheit in sich zusammenfallen lässt. Wenn man Wahrheit und Wirklichkeit einmal gleichsetzt, dann kann man schon in der Wissenschaftstheorie sehen, dass die Wahrheit sich nicht so einfach entdecken lässt. Man muss schon sehr trickreich sein, um die Wirklichkeit über den Versuch der Falsifizierung einer These zumindest dazu zu bewegen zu sagen, dass eine Behauptung nicht stimmt.


Mag sein, dass die Lüge das eigentlich Interessante ist. Selbst das achte Gebote ist nicht in der kindlichen Form, du sollst nicht lügen, geschrieben. Es heißt vielmehr: Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Das gibt zu denken!


Die Fähigkeit zu lügen und Lügen zu entlarven ist eine menschliche Höchstleistung, auch wenn die gesamte lebende Welt über teils beeindruckende Täuschungsmanöver verfügt. Es gibt Evolutionsbiologen, die behaupten, dass unsere überlegenen Denkfähigkeiten dadurch sich entwickeln konnten, dass wir das Lügen perfektionieren mussten, vor allem aber, weil wir die Lügen anderer entlarven lernen mussten, um zu überleben. So ist die Härte, mit der man im Umgang mit Kindern ihnen keine Lüge durchgehen lassen sollte, eigentlich ein Training, sich nicht so einfach überführen zu lassen.


Wahrheit und Lüge sind kommunikative Einheiten: Man einigt sich auf Wahrheiten, so wie man sich auch auf Lügen einigt. Was hält uns nun zusammen: Die Liebe zur Wahrheit oder die Perfektionierung der Lüge, die notwendig ist, um Macht und Dominanz zu gewinnen und zu bewahren?


Selbst wenn wir den Geist als das betrachten, das wie eine Matrix uns Menschen miteinander verbindet, dann bleibt offen, ob diese Bindung überwiegend zärtlicher und liebender Natur ist oder überwiegend geprägt von einem Ressentiment und Hass auf unsere Mitmenschen. Die eine Hypothese bringt die andere zum Scheitern. Diese Frage scheint nicht zu beantworten zu sein.


Dr. Rolf-Arno Wirtz