Geschichte der DGSF

Im Rahmen der Forschungsarbeit von Frau Prof. Dr. Edeltrud Meistermann-Seeger, die 1956 einen Lehrauftrag am Lehrstuhl von Prof. Dr. René König an der Universität Köln bekommen hatte und von 1963 an als Honorarprofessorin die Psychoanalytische Abteilung im dortigen Forschungsinstitut für Soziologie leitete,  fand sich ein Kreis von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen (Soziologie, Psychologie, Philosophie, Medizin, Pädagogik, Jurisprudenz, Theologie und Wirtschaftswissenschaften) zusammen. Alle hatten Erfahrungen mit Einzel- und/oder Gruppenanalyse, und sie waren verbunden in dem brennenden Interesse, das Konzept der Psychoanalyse über die individualtherapeutischen Möglichkeiten hinaus einzubringen in die damals in der Bundesrepublik Deutschland wie in anderen Ländern der Welt einsetzende Diskussion über die Möglichkeiten und die Richtung eines sozialen Wandels.

Die Gruppe traf sich bis 1973 während der Universitätssemester einmal wöchentlich, zunächst im „Montagskreis“, später im „Freitagskreis“. Außerdem fanden von 1963 bis 1972 acht sog. „Montagnola-Tagungen“ im Hause von Meistermann-Seeger im Tessin/Schweiz statt, Symposien von jeweils 8 bis 11 Tagen Dauer, zu denen sowohl psychoanalytische wie auch Referenten aus anderen Wissenschaftsbereichen eingeladen waren. Folgende Themen wurden bearbeitet: Antisemitismus, Familie, Glaube, Traum, Vater, Revolution, Utopie, Perversionen, Geisteskrankheiten, Spiel, Gruppentheorie, Geschlechtsunterschiede, frühe Sozialbeziehungen, Macht, Vorurteil, Todestriebtheorie und andere.

Bei alledem ging es darum, die dann als "Sozialanalyse" bezeichnete Theorie und Methode weiter zu entfalten und zu erproben. Dieser liegt die Hypothese zugrunde, dass die von der Psychoanalyse bei Einzelnen beobachteten und untersuchten Vorgänge - z.B. Integration, Desintegration, Identität und Identitätskrise - sich auch bei Prozessen innerhalb der Gesellschaft oder bei sozialen Phänomenen und gesellschaftlichen Zustandsformen auffinden lassen, dass sie für viele gesellschaftliche Fehlentwicklungen, vor allem Erstarrung und mannigfache Widerstände gegen einen sozialen Wandel, verantwortlich sind. Daher wurde der Seminarteil der Tagungen bzw. der Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft ergänzt durch genaue Beobachtung und Deutung des unbewussten Verhaltens der Gruppe während der wissenschaftlichen Arbeit, wobei sich die Deutungen ausschließlich auf Gruppenprozesse bezogen, die mit den untersuchten Themen in Beziehung standen. Auf geradezu frappierende Weise zeigte – und zeigt – sich dabei immer wieder, wie die Deutung und Bearbeitung der vom Thema ausgelösten Angst und der dazugehörenden Abwehr die sachliche Arbeit erst ermöglicht und wirklich ergiebig macht.

Der Kreis um Frau Meistermann-Seeger war daran interessiert, das theoretische Konzept auch in seinen praktischen Möglichkeiten zu erproben und zu testen. Dies – und der Wunsch nach einer größeren Unabhängigkeit von der Universität - war 1965 der Auslöser zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Sozialanalytische Forschung als eines eingetragenen Vereins, dessen Präsidentin Edeltrud Meistermann vom Beginn bis zum Jahre 1974 war. Als ihre Nachfolger wurden später gewählt: Prof. Dr. Hans-Günther Meissner (für den Zeitraum von 1974 bis 1980), Prof. Dr. Klaus Mackscheidt (1980 bis 1996), Dr. Hermann-Josef Berk (1996 bis 2008) und schließlich Dr. Rolf-Arno Wirtz (seit 15.11.2008).

Unter dem Dach der DG und mit der Methode der Sozialanalyse wurden dann in der Zeit von 1965 bis 1975  eine Vielzahl von Projekten durchgeführt. Das bekannteste ist wohl die 1966 begonnene, damals noch so genannte „Gastarbeiterforschung“ im Auftrag der Stadt Köln, die auf europäischer Ebene bis 1970 fortgeführt wurde. Darin hat die DG die sozialen Probleme der Gastarbeiter -  insbesondere die ihrer Integration in die deutsche Gesellschaft – aufgegriffen, als dies noch von keiner anderen Seite in einer systematischen Weise erfolgte. Das Ergebnis dieser Forschung ist niedergelegt in dem Buch von Bingemer, Meistermann-Seeger und Neubert „Leben als Gastarbeiter“ (1970). Andere Projekte schlossen sich an, so z. B. eine Spielforschung, eine Arzneimittelforschung  oder eine Forschung für die optische Industrie. Durch zweimalige Studienreisen nach Israel (1962 und 1969) überprüfte die DG darüber hinaus ihr Konzept der Integration – in einem Land, in dem ökonomische, soziale und politische Integrationsprozesse eine besondere Rolle spielten und spielen.

Inzwischen hat die DG sich gewandelt zu einer reinen Tagungsgesellschaft, die aktuelle gesellschaftliche Problemstellungen aufgreift und sie unter sozialanalytischen Aspekten wissenschaftlich untersucht. Dabei können die Teilnehmer sowohl bei der Kleingruppenarbeit wie auch in der Großgruppe immer wieder erleben, dass die Aufdeckung der bewussten und unbewussten Prozesse in der jeweiligen Gruppe entscheidend zur Aufklärung des bearbeiteten Themas beiträgt.